Seit 2019 arbeitet die W3C Design Tokens Community Group an einem offenen Standard für die Beschreibung von Design Tokens. Beteiligt sind Vertreter von Salesforce, Adobe, Google, Microsoft und Amazon. Wenn dieser Standard zur offiziellen Recommendation wird, verändert er die Machtverhältnisse in der Design-Tool-Industrie grundlegend – weg von proprietären Formaten, hin zu einem offenen Ökosystem.

Warum ein Standard notwendig ist

Die Design-System-Industrie hat ein Interoperabilitätsproblem. Figma speichert Styles und Variables in einem proprietären Format. Tokens Studio verwendet ein JSON-Format, das nicht mit Style Dictionary kompatibel ist. Sketch hat ein eigenes System. Jedes Tool, jede Plattform, jedes Framework erfindet seinen eigenen Weg, Designentscheidungen zu beschreiben.

Für Organisationen bedeutet das: Token-Definitionen müssen für jedes Tool separat gepflegt werden. Ein Wechsel von Figma zu Penpot erfordert eine komplette Neudefinition aller Tokens. Die Design-Entscheidungen – das wertvollste digitale Asset einer Organisation – sind an ein spezifisches Tool gekoppelt.

Der W3C-Standard löst dieses Problem durch ein gemeinsames Format, das alle Tools lesen und schreiben können. Tokens werden einmal definiert und überall verwendet – in jedem Design-Tool, in jeder Build-Pipeline, auf jeder Plattform.

Der Standardisierungsprozess

Die Design Tokens Community Group (DTCG) wurde 2019 gegründet. Der Prozess durchläuft mehrere Stufen: Community Group Report → Working Draft → Candidate Recommendation → Recommendation. Aktuell befindet sich die Spezifikation im Stadium des Community Group Draft – die grundlegenden Token-Typen sind definiert, zusammengesetzte Typen und fortgeschrittene Features werden noch spezifiziert.

Die beteiligten Unternehmen bringen unterschiedliche Interessen ein. Salesforce (Lightning Design System), Google (Material Design), Microsoft (Fluent) und Adobe (Spectrum) haben jeweils eigene Design-Systeme mit Millionen Nutzern. Die Herausforderung: Ein Format zu finden, das die Anforderungen aller Stakeholder abdeckt, ohne so komplex zu werden, dass es unpraktisch wird.

Was der Standard definiert

Die Spezifikation definiert ein JSON-basiertes Format mit klar definierten Token-Typen (color, dimension, fontFamily, duration, etc.), einem Referenz-Mechanismus (Aliasing) über geschweifte Klammern, Gruppen-Hierarchie mit Typ-Vererbung und zusammengesetzten Typen für komplexe Werte (typography, shadow, border, gradient).

Was der Standard bewusst nicht definiert: Naming Conventions (keine Vorschrift für CTI oder andere Schemata), Build-Pipeline-Details (wie Tokens transformiert werden), Plattform-spezifische Ausgabeformate (CSS, iOS, Android) und Synchronisations-Workflows (Figma ↔ Code).

Auswirkungen auf die Tool-Landschaft

Wenn der Standard zur Recommendation wird, ändert sich die Dynamik: Design-Tools wie Figma und Penpot werden Import/Export im Standardformat anbieten müssen. Build-Tools wie Style Dictionary sind bereits vorbereitet. Token-Management-Plattformen wie Specify, Supernova und Knapsack werden Standardkonformität als Feature bewerben. CSS-Frameworks können Token-Dateien direkt als Konfigurationsquelle nutzen.

Für Organisationen bedeutet das: Token-Definitionen werden portabel. Der Wechsel von Figma zu Penpot erfordert keinen Token-Rebuild. Multi-Tool-Setups (verschiedene Teams nutzen verschiedene Tools) funktionieren über eine gemeinsame Token-Datei.

Souveränitätsperspektive

Aus Souveränitätssicht ist der W3C-Standard das wichtigste aktuelle Instrument gegen Tool-Abhängigkeit im Design-Bereich. Wer seine Tokens heute im DTCG-Format dokumentiert, macht seine wichtigste Design-Infrastruktur portabel – unabhängig davon, welches Tool morgen genutzt wird.

Aspekt
Ohne Standard
Mit W3C-Standard
Tool-Wechsel
Token-Neudefinition nötig
Import/Export
Multi-Tool
Manuelle Synchronisation
Gemeinsame Quelle
Vendor Lock-in
Hoch (proprietäre Formate)
Niedrig (offenes Format)
Langzeit-Wartbarkeit
Abhängig vom Anbieter
Garantiert durch Standard
Build-Pipeline
Tool-spezifische Parser
Standardisierte Parser

Kernpunkte

  • Die W3C Design Tokens Community Group arbeitet seit 2019 an einem offenen Standard mit Beteiligung von Salesforce, Adobe, Google, Microsoft und Amazon.
  • Der Standard definiert ein JSON-Format mit Token-Typen, Aliasing und Gruppen-Hierarchie – bewusst ohne Naming Conventions oder Build-Pipeline-Details.
  • Style Dictionary 4 und Cobalt UI unterstützen das Format bereits nativ – Organisationen können heute beginnen.
  • Der Standard macht Token-Definitionen portabel: Tool-Wechsel ohne Token-Rebuild.
  • Wer seine Design-Entscheidungen im W3C-Format dokumentiert, investiert in langfristige Unabhängigkeit von proprietären Tool-Ökosystemen.
  • Die Standardisierung verschiebt die Machtverhältnisse: Design-Entscheidungen gehören der Organisation, nicht dem Tool-Anbieter.